Der BER von Karlshorst

Quelle: Andre_de (Wikimedia Commons)

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Manchmal fragt man sich schon ein Bisschen, ob nicht ganz Berlin über einem ehemaligen Indianerfriedhof errichtet wurde. Denn nicht nur der Bau von BER, U55 und Staatsoper ziehen sich in die Länge und kosten immer mehr, nein auch im Kleinen gibt es solche Baustellen.  Eine davon ist der S-Bahnhof Berlin-Karlshorst, im gleichnamigen Ortsteil von Berlin-Lichtenberg, der eher spießbürgerlich und in letzter Zeit immer gentrifiziert erscheint und sich stark absetzt vom Plattenbausiedlungsimage des 260.000 Einwohner umfassenden Großbezirks.

Der Bahnhof im Zentrum des Karlshorster Kiez ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt für die Anwohner im größeren Umkreis. Hier treffen sich mehrere Straßenbahnen und Busse, die S-Bahnlinie 3 und die Regionalbahnlinien 7 und 14. Dazu kommt das Problem, dass unter der Brücke des Bahnhofs eine der östlichen Verkehrsachsen von Berlin die Treskowallee auf eine Spur (in Zahlen: 1) verengt wird, Straßenbahn und Bus natürlich mitgerechnet.
Die Treskowallee ist so etwas wie die inoffizielle Verbindung zwischen B96A (Schönefeld) und B1/B5 noch Küstrin/Kostrzyn und Frankfurt (Oder). Darüber hinaus ist es eine der wenigen Nord-Süd-Achsen im Osten der Stadt mit dem Vorteil, dass man nicht über die East-Side-Galery und den Alexanderplatz oder die Altstadt Köpenick fahren muss.

So viel zur Bedeutung dieser kleinen Straße, auf der von morgens bis Abends LKW unterwegs sind und jeden Tag der Berufsverkehr für Pendler zur Hölle wird. Nun sollte die Situation verbessert und die Brücke geweitet werden, so dass sechs Spuren entstehen. Zwei für Straßenbahnen und Busse, zwei pro Richtung für Autofahrer und dann noch Platz für Fußgänger und Radwege.

Seit mehr als drei Jahren in denen ich nun also in Karlshorst wohne ist der Bahnhof eine Baustelle. Mal ist die eine Seite unter der Brücke für Fußgänger gesperrt, mal die andere, manchmal auch beide und man muss den Bahnhof vollständig umrunden, was mit etwa 500m Umweg eher ein Problem für ältere Menschen darstellt. Ein paar Mal musste auch die gesamte Brücke gesperrt werden, was meist am Wochenende geschah. Dann im Herbst 2013 ein Unfall, bei dem ein Bauarbeiter starb. Mehrere Monate war der Weg durch die Bahnhofshalle gesperrt, da ein 7,5t schwerer Stahlträger nicht geborgen werden konnte. Noch heute erinnern Kerzen und Blumen an das Geschehen.

Inzwischen scheint die Brücke fertig zu sein und die Bahnhofshalle wird nur noch von innen gebaut. Trotzdem scheint nichts mehr zu passieren. Zufälligerweise sah ich heute einen Beitrag der Berliner Abendschau vom rbb, in der unsere neue Bezirksbürgermeisterin Birgit Monteiro (SPD) erzählte, dass mit einer Fertigstellung hoffentlich 2018 gerechnet werden kann. Es interessierte mich schon ein wenig, warum eine Brücke, die relativ fertig aussieht, erst in drei Jahren freigegeben werden sollte und begann ein wenig zu recherchieren. Dazu am Ende eine kurze Zeitliste der Ereignisse.

Wie sich herausstellte ist der Grund für die Verzögerung die Weigerung der Berliner Wasserbetriebe (kommunaler Betrieb) ein Planfeststellungsverfahren zu eröffnen, für die Sanierung der unter der Brücke verlaufenden Wasserleitungen. Die Begründung dafür ist interessant. Anscheinend besteht bis heute nämlich kein beschlossenes Konzept der Berliner Verkehrsgesellschaft BVG (kommunaler Betrieb) wie die Führung der Straßenbahn unter der Brücke verlaufen soll. (siehe dazu die schriftliche Anfrage der CDU im Abgeordnetenhaus) Immerhin will nun das Land Berlin den Berliner Wasserbetrieben eine Bürgschaft anbieten, damit diese ihre Planung bereits zwei Jahre vorher abschließen und zur Feststellung freigeben. Leider konnte ich bisher nicht herausfinden, warum man nicht einfach die BVG zwingt, ihre Planungen abzuschließen. Aktuell beträgt die Zeit inklusive der Planung 15 Jahre. Sollte es doch eher 2020 als 2018 mit der Fertigstellung klappen, dann hätten wir für die Verbreiterung einer zweispurigen Straße unter einer Brücke annähernd die gleiche Zeit benötigt, wie für den Bau eines Flughafens. Es scheint hier durchaus systemische Probleme in Berlin zu geben, wenn es um Bauprojekte geht. Aber damit nicht genug. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass der Bahnhof 2021, vielleicht auch früher, fertig wird. Die Frage ist aber, ob er dann überhaupt noch in dieser Form benötigt wird.
Dafür gibt es mehrere Gründe. Zum einen ist bereits seit längerem die Tangentialverbindung Ost (TVO) im Gespräch, die quasi die Ausweichstrecke um die stark bewohnten Gebiete der Treskowalle darstellt. Noch ist nicht ganz absehbar, was schneller fertig wird, vor allem da die TVO zum großen Teil in der Verantwortung des Bundes liegt. Zum anderen wird vermutlich 2017 die Haltestelle für den Regionalbahnhof stillgelegt. Sofern bis dahin der Bahnhof Ostkreuz fertig gestellt wurde. Immerhin eine der Baustellen, die nicht völlig von der Planung abweicht und das obwohl sie von der Deutschen Bahn betrieben wird. Sollte stattdessen der S-Bahnhof Köpenick zum Regionalbahnhof werden und die Planung bestehen bleiben, dass die S3 nur bis Ostkreuz fährt, wird der Bahnhof für den öffentlichen Nahverkehr unattraktiver. Dazu kommt, dass bereits jetzt ein eklatantes Problem im Konzept des Brückenumbaus aufgetaucht ist. Anscheinend hatte man zu Beginn der Planung nicht mit einer Zunahme des Fahrradverkehrs in dem Ausmaße gerechnet, wie er in den letzten Jahren erfolgt ist. Vielleicht kann man dann ja eine der beiden Fahrzeugspuren in eine sehr breite Fahrradspur umwandeln. Auch das erinnert alles ein wenig an BER, der zur Fertigstellung bereits die benötigte Kapazität nicht mehr aufweisen wird.
Es gibt aber auch den ein oder anderen entscheidenden Unterschied. So ist das mediale Echo über eine derartige Provinzposse sehr verhalten und bisher musste auch noch kein politischer Verantwortlicher für dieses Planungschaos seinen Rücktritt verkünden. Hier mal eine Auswahl an Zitaten, der letzten Jahre:

12. November 2014
Er gab zu, dass er bei seinem Amtsantritt im Jahr 2011 noch sehr blauäugig an die Sache herangegangen ist und von einem Abschluss der Bauarbeiten im Jahr 2016 gesprochen hat. „Ich war zu optimistisch“, verkündete Nünthel etwas selbstkritisch. „Ich höre die Worte des Staatssekretärs gern“, betonte Nünthel, „doch ich habe keine Illusionen mehr.“ […] „Wir hoffen darauf, dass zum Ende der Wahlperiode [2016; d.V.]  das Planfeststellungsverfahren abgeschlossen ist.“
Wilfried Nünthel (CDU), Stadtrat für Stadtentwicklung im Bezirk Lichtenberg, seit 2011 im Online-Magazin Lichtenberg-Marzahn+ am 12.11.2014

11. November 2014:
“Als Aufsichtsratsmitglied beider landeseigener Unternehmen sichere er den Anwohnern zudem auch zu, „dass ich mich persönlich darum kümmern werde, dass es beide Unternehmen [Wasserbetriebe und Berliner Verkehrsgesellschaft; d.V.] ernst meinen“

Christian Gaebler (SPD), Staatssekretär der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, seit 2011 im Bezirks-Journal vom 11.11.2014

14. März 2014
“Doch beginnen jetzt erst die Wasserbetriebe mit den Leitungsarbeiten. Für die Straßenbahn fehlen Haltestellen. Das Bezirksamt Lichtenberg rechnet nicht vor 2018 (!) mit einer Verbreiterung der Treskowallee. Gab es zeitliche Abstimmungen, fragte ich. Der Verkehrssenator [Michael Müller (SPD), inzwischen Bürgermeister; d.V.] wich aus: Man bemühe sich derzeit, “durch eine Optimierung der Bauabläufe eine Reduzierung der Bauzeiten zu erreichen”. Gab es gar keinen Zeitplan für die Treskowallee? Wiederholt sich hier das Modell Invalidenstraße?”
Interview in der BZ zu Dauerbaustellen, vom 14.03.2014

Februar 2014
“Die Berliner Wasserwerke und die BVG nahmen an dieser Beratung nicht teil und teilten mit, es gäbe nichts Neues zu berichten und das Planfeststellungsverfahren der BVG ist weiter in Vorbereitung, dessen Eröffnung sei in ca. einem viertel Jahr.”
Aus dem Bericht des Karlshorster Bürgervereins zum runden Tisch Bahnbrücken

September 2013
“Die DB AG wird ihre Arbeiten planmäßig durchführen und beenden.
Für die Zeit danach sind derzeit keine verbindlichen Terminzusagen möglich.
Der Baubeginn der Arbeiten unter den neuen Brücken (Wasserbetriebe und BVG) könnte erst bis zu zwei Jahren nach Abschluss der Brückenbauten liegen.”
Aus dem Bericht des Karlshorster Bürgervereins zum runden Tisch Bahnbrücken

28. Juni 2013
Frage 1:Nach welchen Kriterien wurde die zukünftige Anordnung der Straßenbahnhaltestelle am Bahnhof Karlshorst vorgenommen?
Antwort 1: Durch das Verschwenken der Straßenbahngleise im Bereich der  Eisenbahnbrücken aus der Mittellage an die seitlichen Gehwege heran können die Straßenbahnhaltestellendirekt vor den Zugängen zumBahnhof Karlshorst angeordnet werden, die sich in den Brückenwiderlagern befinden.Dadurch können mehrere Ziele gleichzeitig erreicht werden:”
Antwort von Staatssekretär Christian Gaebler (SPD) auf die kleine Anfrage von Danny Freymark (CDU) im Abgeordnetenhaus von Berlin

11. Juni 2013
“Zum absehbaren Verzug der Arbeiten unter den neuen Bahnbrücken befragt, verlas der Baustadtrat eine äußerst unbefriedigende, eigentlich nichtssagende Briefantwort des Senators für Stadtentwicklung [Michael Müller (SPD), heute Bürgermeister; d.V.] auf sein Unterstützungsersuchen. Der Bezirk will nun prüfen, ob eine Übergangslösung möglich und finanzierbar ist. Ziel wäre, die fertiggestellte, breitere Treskowallee unter den neuen Brücken zwischenzeitlich bis zur Fortsetzung der Bauarbeiten für den Verkehr zu nutzen.”
Aus dem Bericht des Karlshorster Bürgervereins zur Einwohnerversammlung Bauen und Verkehr

18. April 2013
“Für Stadtrat Nünthel ist es unverständlich, dass die Unternehmen nicht parallel vorgehen: „Das ist wohl auch für kaum einen Bürger nachvollziehbar.“ Er will deshalb an Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) schreiben und auf eine Beschleunigung drängen. In dessen Haus will man sich zu dem Vorgang noch nicht äußern, sagt Sprecherin Petra Rohland. Der Brief sei ja noch nicht einmal eingegangen.”
Aus einem Artikel der Berliner Zeitung zur Bauverzögerung, am 18.04.2013

Hier eine Linkliste zu den einzelnen Artikeln:

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