Kampfradler aus Leidenschaft

Vielleicht liegt es daran, dass der Hashtag #fahrradalltag vor einiger Zeit für Aufsehen gesorgt hat oder der Volksentscheid für ein fahrradfreundlicheres Berlin vor der Tür steht oder einfach daran, dass gerade Sommer ist und immer mehr Berliner sich aufs Rad schwingen. Jedenfalls ist das Thema gerade einigermaßen präsent, was ich gleich mal zum Anlass nehme ein paar Zeilen dazu zu schreiben.

Ich selbst bin leidenschaftlicher Radfahrer und fahre jeden Tag etwa 25km durch die Stadt zur Arbeit und zurück. Die Geschichten die man dabei teilweise erlebt sind haarsträubend, beängstigend oder einfach nur traurig. Ein paar der schönsten will ich hier einmal festhalten, nicht zuletzt, weil 140 Zeichen meisten nicht ausreichen die Situation zu schildern. Gerade gestern war wieder einer dieser Tage, an dem sich die schönen Begebenheiten nur so aneinandergereiht haben. Manchmal überlege ich ernsthaft mir eine Bodycam zuzulegen, einfach nur, weil ein Film mehr ausdrücken kann als jeder Blogtext, aber dem gegenüberstehen Anschaffungspreis und Datenschutzbedenken, sowie ungeklärte rechtliche Fragen. Daher hier ein kurzes Erlebnisprotokoll eines etwas längeren Tages auf zwei Rädern in Berlin. Als Einleitung sei noch gesagt, dass ich versuche mich an die Verkehrsregeln zu halten, soweit es möglich ist. Das bedeutet ich halte an roten Ampeln; versuche beim Überholen (auch zu Radfahrern) den Abstand einzuhalten; überhole andere Radfahrer nur in Ausnahmesituationen rechts, quetsche mich nicht unbedingt an jeder Autoschlange rechts vorbei, wenn der Platz nicht gegeben ist; nutze verpflichtende Radwege und wenn zumutbar auch nicht verpflichtende und verfüge über komplette Beleuchtung, Bremsen, Helm und Kleidung in Signalfarben. Meine durchschnittliche Geschwindigkeit liegt bei etwa 25km/h, auf guten Strecken auch gerne mal zwischen 30 und 35km/h. Ich bin also durchaus im schnelleren Drittel der Radfahrer unterwegs aber nie wirklich schneller als Autofahrer.

9:30 Uhr

Mein Tag beginnt, mit einer Tour zur Kleiststraße, da ich noch etwas für ein Bastelprojekt von einem Elektronikladen brauche. Die Strecke ist etwa 16,km und führt mich von Karlshorst einmal quer durch die Innenstadt bis in die Citiy West. Am Anfang die Treskowallee runter, bis der Radweg in ein kleines Waldstück führt. Auch wenn es als Radweg ausgeschildert ist, sind hier viele Fußgänger, oft auch mit Hunden unterwegs, aber die fünf Minuten sind eigentlich mit die entspanntesten des ganzen Tages, da viele Fußgänger mit Radfahrern rechnen und der Weg weit einsehbar ist.

9:40 Uhr

Ich verlasse den Waldweg und nach 100m über Seitenstraßen stehe ich an der Kreuzung Rummelsburger Landstraße, die später zur Köpenicker Chaussee wird. Der Radwanderweg führt geradeaus, leider aber zur Fähre zum Plänterwald und das bringt mir relativ wenig.
Also nach rechts Richtung Heizkraftwerk Klingenberg. Es gibt an dieser Stelle einen Fußweg der an der Straße entlang führt. Da auf der anderen Straßenseite ein Radweg (eine Richtung) existiert, und dort eh kaum ein Mensch entlang läuft, glauben viele Autofahrer, dies wäre der offizielle Radweg. Ist es aber nicht. Kein Schild, keine Fahrbahnmarkierung, keine “Radfahrer frei” weit und breit. Dazu kommt, dass der Weg so schmal und von umstehenden Bäumen bewachsen ist, dass man langsame Radfahrer dort sowieso nicht überholen kann und der Bordstein ist nirgendwo abgesenkt. Also auf Lücke warten und los geht’s. Diesmal habe ich Glück, nur zwei oder drei Autofahrer sind der Meinung mich mit minimalstem Abstand überholen zu müssen, auch wenn links alles frei ist. An diese “Maßregelungen” habe ich mich inzwischen gewöhnt, auch an die Tatsache, dass dort scheinbar kaum jemand unter 70km/h fährt.

9:45 Uhr

Ich erreiche die Kreuzung Blockdammweg/Köpenicker Chaussee. Manchmal erwische ich hier noch den ein oder anderen Lehrmeister und versuche ihn zur Rede zu stellen, natürlich ohne jeglichen Erfolg, so auch heute. Prolliger Typ, laute Musik, tiefer gelegte Karre. Hört mich vermutlich eh nicht, bzw. schaut kurz gelangweilt rüber und ignoriert mich. Immerhin gibt es hier einen Radweg, zumindest theoretisch. Hinter der Kreuzung sind glorreiche 2m Platz zwischen Bauzäunen, direkt dahinter das Dixi-Klo der Bauarbeiter. Letzte Woche hatte ich erst Spaß mit einem Bauarbeiter der auf mein Klingeln konsequent auf dem Radweg stehen blieb, so dass ich anhalten musste. Vermutlich der “Reheffekt”. Der Radweg ist komplette Baustelle, aber ich nutze netterweise das “Radfahrer frei”-Schild und fahre die Holperpiste ein Stück weiter.

9:50 Uhr

Vom halbwegs nutzbaren Fußweg sind noch etwa 1m übrig und das für die etwa nächsten 500m. Ich wechsle auf die Straße, da dort weder überholen noch ausweichen möglich wäre, ohne in den Wald zu fahren oder über den Bauzaun zu springen. Als Dank werde ich noch einmal gemaßŕegelt. Da Montag morgen ist, stehen diverse Taxen vorm Sysiphos und der freigegebene Fußweg von den letzten Überbleibseln des Partyvolks besiedelt. Da diese meist in ihrer Reaktion schwer einzuschätzen sind, also weiter auf der Straße, auch mal auf die linke Spur, wenn Taxen rechts parken. Ich kann den Hass hinter mir quasi spüren und versuche mit 35km/h so schnell wie möglich zur Ampel an der Georg-Löwenstein-Straße zu kommen.

9:55 Uhr

Ich biege an der Ampel für Radfahrer links ab und fahre durch die Gated-Community an der Rummelsburger Bucht. Früher bin ich direkt über Ostkreuz gefahren, aber das ist noch nervenaufreibender und das Kopfsteinpflaster zwischen S-Rummelsburg und S-Ostkreuz ist wirklich anstrengend. Dann doch lieber die Bremshügel.

10:00 Uhr

Ich habe die Uferpromenade Rummelsburg erreicht. Hier haben Fußgänger Vorrang, einen eigenen Radweg gibt es leider nicht, aber damit lässt sich gut leben, sofern nicht zwei Radfahrer nebeneinander vor einem her fahren und sich unterhalten. Es ist Montag morgen, die Situation ist recht entspannt. Allerdings sollte man die Kurven am Ende der Bucht nur langsam durchfahren, in und wieder gibt es auch Gegenverkehr. Die meisten Radfahrer nehmen hier die Abkürzung zur Kynaststraße, welche ich aber nicht kreuzen will und somit fahre ich den etwas längeren Weg über die Glasbläserallee.

10:05 Uhr

Ich stehe an der Kreuzung Alt-Stralau/Kynaststraße an der Ampel und warte. Wie immer ist die Chance 50:50, dass irgendein Auto die Kreuzung nicht frei hält und den Radweg blockiert. Dazu hin und wieder einige Radfahrer die ich vermutlich vorher schon überholt habe und die natürlich jedes Signal missachtend bei rot vor mir von der Kynaststraße rechts abbiegen. So auch heute. Dazu zwei Radfahrer die mir auf dem Fußgängerüberweg entgegen kommen. Soweit alles wie immer.

10:10 Uhr

Eine meiner zwei Lieblingsstrecken, die B96a später auch bekannt als Mühlenstraße oder einfach die Straße am Osthafen oder später Eastside-Gallery. Der Radweg ist verpflichtend und eigentlich eine Zumutung. Eigentlich ist es eher ein Flickenteppich von Ausbesserungsmaßnahmen, gespickt mit Glassscherben des Partyvolks vom Wochenende aus der MAGDALENA und der Wilden Renate. Als wäre das nicht schlimm genug, ist es eine dieser Strecken auf denen viele Radfahrer rote Ampeln komplett ignorieren. Der Rekord von Überholmanövern die ich bei einem einzelnen Radfahrer auf dieser Strecke durchführen musste liegt bei mindestens drei, was bei dem schmalen Radweg, dem Zustand der Straße und der Angewohnheit vieler Radfahrer möglichst in der Mitte des Radweges zu fahren zu einem Kraftakt werden kann, sofern man rechts überholen will, ohne frontal in eine Laterne zu fahren.

10:15 Uhr

Wahrschauer Straße, wenn man die Ampel übersteht ohne Touristen umzufahren oder von rechts abbiegenden Bussen oder LKWs übersehen zu werden, ist nun etwas Entspannung angesagt. Der Radweg ist in gutem Zustand nur leider so schmal, dass man bei jedem Überholmanöver auf die rechte Spur ausweichen muss. Da es sich um eine Bundesstraße handelt, ist das häufig recht aufwendig und wird von Autofahrern ungern gesehen. Besonders beliebt sind auf dieser Strecke Taxis oder Busse auf dem Schutzstreifen, die ebenfalls ein Ausweichen auf die rechte Spur erfordern. Das stört aber kaum einen Autofahrer daran, die Schuld bei den Radfahrern zu suchen. Gerade Limnousinen und Taxis sollten auf dem sehr breiten Fußweg vor dem Eastside-Hotel genug Platz haben dort zu warten, aber dann müssten sie ja über den Bordstein fahren und wer will das schon. Auch auf diesem Abschnitt ignorieren viele Radfahrer die roten Leuchtsignale. Das ist aber weniger tragisch, denn die meisten Touristengruppen tun das ebenfalls.

10:25 Uhr

Holzmarktstraße, hier wird der Schutzstreifen richtig schlecht und man humpelt mit größeren Sprüngen an der Tankstelle vorbei bis zur Kreuzung Lichtenberger Straße. Dort folgt dann ein benutzungspflichtiger Radweg der dem an der B96a in nichts nachsteht, mit der Besonderheit, dass hier noch eine Bushaltestelle mittendrin ist. Hat man die Stelle erreicht, wo der Radweg auf die Straße geführt wird, hat man es geschafft. Vorerst.

10:30 Uhr

Stralauer Straße, trotz Spurverengung unter der S-Bahnbrücke recht gute Strecke, bis auf die Baustelle die Neuerdings vor der Molkestraße ist. Aktuell ist dort aber so viel Stau, dass rechts vorbei fahren an der Autoschlange durchaus eine Option ist. Der Weg über die Leipziger Straße bis zur Kleiststraße verliefen verhältnismäßig ruhig.

11:30 Uhr

Erste Station geschafft, nun weiter Richtung Friedrichstraße. Dazu über die Lützowstraße und Reichpietschufer zum Potsdamer Platz.

11:40 Uhr

Der Radweg am Lützowufer wird auf die Straße geführt, direkt auf der Abfahrt steht ein Taxi. Nachdem ich mich um das Taxi herum manövriert habe klebt mir plötzlich ein Autofahrer mit 10cm Abstand am hinteren Schutzblech. Ich dreh mich um und werde angehupt. Ich werde das erste mal an diesem Tag etwas lauter und frage den Fahrer, was er für ein Problem hat.

11:45 Uhr

Ein dunkler Kleintransporter mit 0-Kennzeichen überholt mich mit gefühlten 10cm Abstand, um dann 20m weiter hinter drei anderen Autos an der roten Ampel halten zu müssen. Als ich rechts auf dem nun existierend Schutzstreifen an ihm vorbei fahre, frage ich ihn, ob er den Mindestabstand kenne. Er wirkt genervt und fuchtelt mit den Armen.

11:55 Uhr

Potsdamer Platz, ein älteres Pärchen läuft auf dem Radweg Richtung Ampel. Nach mehrfachem Klingeln reagieren sie sogar und gehen bei Seite. Da gerade rot ist, frage ich sie ob sie den Radweg nicht gesehen haben. Die ältere Frau meint: “Ja ja, aber wo soll man den sonst lang laufen?” Ich schaue sie nur ungläubig an, zeige auf den relativ großzügigen Fußweg hinter dem U-Bahn-Eingang.
Es wird grün ein Reisebus biegt rechts ab unter völliger Missachtung einer Radfahrerin und mir die neben ihm stehen und ebenfalls grün haben. Wir halten an mit dem Wissen, dass wir zwar im Recht sind, am Ende aber eh den Kürzeren ziehen werden.

20:00 Uhr

Heimreise – Ich nehme den Weg über Französische Straße und Werderscher Markt. In diese Richtung ist die S-Kurve vor dem Humboldt-Forum zwar ein Ärgernis, da sie im 90°-Winkel geführt wird, aber die andere Richtung ist vergleichsweise schlimmer, da sich dort immer wieder Touristengruppen auf dem Schutzstreifen aufhalten, Sand von der Baustelle die Fahrbahn verschmutzt oder einfach Container auf dem Schutzstreifen abgestellt werden.

20:15 Uhr

Heute keine Taxen auf dem Schutzstreifen Stralauer Platz, nur wenige Rotlichtfahrer unter den Radlern. Allerdings zeigte eine ein durchaus interessantes Verhalten. Erst fuhr sie links an etwa 10 wartenden Radfahrern vorbei, um dann bei grün los zu fahren und 5m später den rechten Arm auszustrecken, um abzubiegen. Völlig unverständlicherweise wurde sie von keinem Radfahrer durchgelassen.

20:20 Uhr

Wer auch immer der Meinung war, dass der Radweg am Ende der Mühlenstraße vor der Überbaumbrücke für 50m auf den Bürgersteig geführt werden muss, sollte dort bitte jeden Tag drei mal lang fahren. Autos, Touris oder anderes blockieren eigentlich zu jeder Tag- und Nachtzeit den Weg, so auch dieses mal. Dazu kommen die Rechtsabbieger aus Neukölln die rote Ampeln per Definition nicht kennen und einem die Vorfahrt auf der anderen Seite der Kreuzung nehmen.

20:30 Uhr

Immerhin es tut sich etwas an der Eastside-Gallery, inzwischen wird dort der Fußweg gebaut, was allerdings bedeutet, dass der Weg nicht benutzbar und ein Fahren auf der Straße unvermeidlich ist, sofern man nicht einfach durch die Baustelle fahren will. Zum Glück ist der Berufsverkehr vorbei und es ist relativ ruhig.

20:50 Uhr

Wieder in der Gated-Community in Rummelsburg. Ein Typ kniet mitten auf der Straße vor seinem Auto und macht Fotos von seinem Radkasten. Ich klingel und frage ihn, ob er nicht woanders Fotos machen kann. Er fängt sofort an mich als Ar***l*** zu beleidigen und was ich mir erlauben würde zu klingeln, ich könnte doch um ihn herum fahren. Klar, wenn man in Berlins eins lernt, dann ist es, wenn man ohne Motorengeräusche mit 25km/h auf jemanden zu fährt der mitten auf der Straße ist und seine Umgebung ignoriert, einfach an ihm vorbei zu fahren ohne ihn zu warnen. Wenn mir das nächste mal in so einer Situation jemands vors Rad läuft, weil er mich nicht wahrgenommen hat, werde ich genau so argumentieren. Ich bin sicher jeder Richter wird von der Teilschuld absehen, die ich bekommen würde.

21:00 Uhr

Endlich zu Hause, Puls noch immer etwas erhöht aber auch das legt sich wieder. Morgen geht es wieder raus auf die Straße. Auch dann werden wieder die üblichen Dinge passieren, doch das schöne daran ist, dass man sich mit der Zeit daran gewöhnt. Rücksicht ist ein Fremdwort, Unrechtsbewusstsein kaum vorhanden, egal ob bei Autofahrern, Radfahrern oder Fußgängern und trotzdem werde ich weiter in dieser Stadt mit dem Rad unterwegs sein und bestimmt wird es noch die ein oder andere Geschichte geben, dann aber auf jeden Fall in kürzer Form.

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