“75GB ought to be enough for anybody.”

Angeblich soll Bill Gates einmal gesagt haben: “640 kB ought to be enough for anybody.”[1] Abgesehen davon, dass es nicht stimmt, wird dieses Zitat auch heute noch gern verwendet, um zu zeigen, wie absurd Aussagen aus der (gar nicht so weit entfernten) Vergangenheit heute sein können. Letzte Woche ging nun die Meldung um, dass die Telekom plant ihre Flatrate-Tarife nach dem Überschreiten eines bestimmten Volumens zu drosseln. Die Mitteilung der Telekom selbst findet ihr hier und eine Auswahl der Reaktionen findet ihr hier. Ich will hier einmal die Problematik der Netzneutralität völlig außen vor lassen. Wer sich dazu informieren will: Ein nettes Video dazu findet sich hier und für weitere Infos empfehle ich eine Recherche bei netzpolitik.org

Nein, mir geht es an dieser Stelle um die Drosselung in Abhängigkeit zu einem bestimmten Datenvolumen. Nehmen wir einmal die Untergrenze, diese magischen 75GB. Es wird argumentiert, dass dies ja nur 3% der Nutzer betrifft und es deshalb für die meisten Nutzer überhaupt keine Rolle spielt. Oder um es mit den Worten des Obertelekomikers René Obermann zu sagen [offener Brief an Philip Rößler]:

“Und selbst wenn sie umgesetzt ist, werden die allermeisten Kunden davon nichts merken, weil die Inklusivvolumina ausreichen. Wenn das Volumen nicht reichen sollte, können die Kunden problemlos Highspeedvolumen nachbuchen – wie im Mobilfunk auch.”

Hier wird argumentiert, dass 75GB die Ausnahme sind und einige Vielnutzer auf Kosten der Allgemeinheit leben, indem sie das “10-20fache” an Volumen verbrauchen, als der normale Nutzer, der sich zwischen “15 und 20GB” bewegt. Ich möchte hier einmal vorrechnen, wie realistisch ich das ganze finde.

Heute ist der 30.4. und wie es der Zufall so will, habe ich genau am Abend des 01. Aprils meine FritzBox eingerichtet, mit einem integrierten Volumenzähler. Schauen wir doch einmal auf den aktuellen Stand der Dinge.

FRITZ!Box - Mozilla Firefox_001

Das finde ich für einen zwei Personenhaushalt schon relativ dicht dran am Limit. Nun werden sich einige vielleicht denken, dass Informatiker wohl besonders gerne Filme runterladen oder irgendwelche anderen Torrents saugen. Leider muss ich euch enttäuschen, in unserem Haushalt gilt eine strikte Politik, dass keine Tauschbörsen oder illegalen Streamingportale genutzt werden. Außer Youtube, das wir relativ selten benutzen, schauen wir ab und an die heute-show oder Neues aus der Anstalt über die Mediathek, aber das relativ unregelmäßig. Den Großteil unserer Filme konsumieren wir über DVB-T, das aufgenommen und geschnitten wird. Musik hören wir meist ganz traditionell über UKW oder von MP3s aus unseren eigenen CDs. Das ist insofern beeindruckend, da die Telekom als Begründung für ihre Umstellung unter anderem folgendes schreibt:

Neben dem Surfen im Netz und dem Bearbeiten von Mails ist dieses Volumen beispielsweise ausreichend für zehn Filme in normaler Auflösung plus drei HD-Filme, plus 60 Stunden Internetradio, plus 400 Fotos und 16 Stunden Online-Gaming.

Das einzige Spiel das bei uns online läuft ist Minecraft. Das ist jetzt nicht gerade ein Spiel das sonderlich viel Traffic. Für Leute denen das nichts sagt, sei angemerkt dass es sogar für iOS verfügbar ist.

Es sind also keine Torrents, es sind keine Spiele, keine Filme, keine MP3s und trotzdem schaffen wir einen Traffic von über 60GB zu zweit in einem Monat? Der Hauptteil unseres Traffics besteht aus Software-Downloads, insbesondere für Betriebssysteme. Jeder der schonmal ein Windows-ISO mit 3GB und mehr heruntergeladen hat, kennt das Problem. Hat man das einmal runtergeladen, braucht Windows dann noch mindestens 500MB an Updates für jeden Rechner auf einem frisch installierten System. Dazu noch diverse Sicherheitsupdates in regelmäßigen Zyklen. Es ist auch nicht anzunehmen, dass Updates in Zukunft kleiner werden.

Natürlich läuft bei uns auch nerdiges Zeug über die Leitung. So läuft auf unserem Mediacenter ein YaCy-Crawler und BOINC aber das sind auch nicht die extremen Datenmengen. Man stelle sich nur einmal vor, was passieren würde wenn wir P2P nutzen würden, um beispielsweise freie Software zu verteilen (was bei OpenSource völlig legal wäre).

Ein weiterer Punkt der Traffic erzeugt ist Cloud-Computing. Nicht zuletzt die Telekom erzählt uns immer wieder wie toll die Cloud ist und was man alles in ihr speichern kann. Mein Cloud-Ordner für UbuntuOne enthält momentan 298 Objekte mit einer Gesamtgröße von 42,1MB. Das wären nicht einmal 20 Bilder mit einer halbwegs guten Kamera. Auch sonst lade ich Fotos nur spartanisch in meinen Flickr-Stream oder schicke alle halbe Jahre 200MB als Archiv über Dropbox & Co. an jemanden.

Bleibt höchsten noch VoIP, aber selbst das wird in diesem Haushalt eher selten eingesetzt und eigentlich nie mit Videofunktion.

Fassen wir also noch einmal zusammen: Kaum Videos, keine Musik, so gut wie keine Cloud, kein VoIP, minimales CloudComputing und trotzdem über 60GB also das Dreifache von dem was die Telekom für den “Durchschnittsnutzer” hält. Irgendwas funktioniert an dieser Rechnung ganz sicher nicht! Ich glaube das Hauptproblem ist die Berechnungsgrundlage. Für einen Einpersonenhaushalt mag die oben genannte Rechnung vielleicht stimmen, doch was ist mit einer durchschnittlichen Familie? Zwei Erwachsene und ein minderjähriges Kind? Das bedeutet in der Regel mindestens zwei Computer und zwei Smartphones, wenn nicht sogar noch ein oder zwei Laptops und Tablets. Natürlich legt die Telekom ihre Berechnungsgrundlage nicht wirklich offen. Keiner weiß so recht wie sie auf die genannten Zahlen kommt. Dennoch bin ich mir sehr sicher, dass bis 2016 unser Verbrauch die 75GB überschritten haben wird und fast genauso sicher bin ich mir, dass die Telekom nicht der einzige Anbieter mit einer Drosselung bleiben wird.

Die anderen Anbieter werden erst einmal schön abwarten, bis sich der Sturm gelegt hat und dann nachziehen. Im Prinzip hätte ich kein Problem damit, wenn sie so etwas wie eine “Surf-Flat” wie im Mobilfunk anbieten würden. Kann von mir aus ein Datenvolumen von 10GB haben oder auch 20GB. Was mich stört, ist die Tatsache, dass hier eine Mogelpackung verkauft wird. Eine Flatrate ist eine Flatrate ist eine Flatrate und kein Volumenpaket, das ab einem Zeitpunkt X dann eine Minute braucht um eine Flash verseuchte Seite zu laden, trotz Adblock & Co. Ich kann nur jedem empfehlen, der eine Fritzbox besitzt, sich die Trafficanalyse einmal im Monat anzuschauen und dann selbst zu entscheiden. Auf jeden Fall bedauerlich, dass hier ein solcher Weg gewählt wurde, anstatt in einen Breitbandausbau zu investieren.

Rein wirtschaftlich kann ich den Schritt nicht nachvollziehen. Vielleicht will man die 3% der Kunden loswerden, die den großen Traffic erzeugen, aber das halte ich für unwahrscheinlich. Vielleicht hofft man auf Mehreinnahmen durch Zubuchungen, was aber bei 3% jetzt auch nicht die Unsummen sind, die den Breitbandausbau finanzieren. Vielleicht hängt es aber doch mit managed services zusammen, auch wenn im Moment noch dementiert wird, dass die T-Cloud, Spotify oder andere Dienste von der Volumenrechnung ausgenommen werden. Es bleibt abzuwarten und am Ende kann man zur Not noch mit den Füßen abstimmen, sofern noch Anbieter übrig bleiben, die dem Marktführer nicht nacheifern. Oder aber wir finden uns damit ab, dass es heißt:  “75GB ought to be enough for anybody.”

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