Don’t come Nagging! – Start Talking!

Dem ein oder anderen ist es sicher aufgefallen. Seit einigen Tagen gibt es eine etwas breitere Kampagne der Online-Verlage gegen Adblock. Das lustige an der Sache ist, dass ich die Idee per se gar nicht schlecht finde. Ich bin ja bereit für Journalismus Geld zu bezahlen. So spart mir doch meine tägliche Blogschau bzw. die entsprechenden Newsseiten das Abo einer Tageszeitung.

Ich will jetzt auch gar nicht groß aufführen, was genau das Problem mit Werbung auf Journalismus-Seiten ist. Das kann man bei Interesse hier oder hier nachlesen. Kurz gesagt, Werbung ist auf der einen Seite eine Belastung beim Lesen, wenn ständig etwas blinkt und sich bewegt und auf der anderen Seite sind sie meist verbunden mit diversen Tracking-Tools, die den Nutzer ausspionieren. Auch sollte man nicht vergessen, dass häufig Flash eingesetzt wird, was auf dem Atom-Prozessor meines Laptops schon häufiger zum Problem werden konnte.

Gleichzeitig habe ich Verständnis dafür, dass Verlage ihre Inhalte finanzieren wollen. Immer wenn mir ein Hinweis auf die Nutzung von Adblock um die Ohren gehauen wurde (und da waren SPON, RP und Zeit nicht die ersten), habe ich Adblock ausgeschaltet, die Seite neu geladen und abgewogen, ob man die Seite ohne Werbeblocker ertragen kann. Ein Beispiel dafür ist netzpolitik.org. Hier kann man durch die dezente Werbung an den Seiten die Artikel lesen, ohne ständig abgelenkt zu werden.

Andere Möglichkeit sind die direkte Bezahlung von Artikeln via Flattr, Paypal, wie sie zum Beispiel von der taz verwendet werden. Natürlich gibt es auch die Paywall, wie sie von der Berliner Morgenpost eingeführt würde, aber diese halte ich für äußerst problematisch.

Ich selbst nutze seit mehreren Jahren Flattr, auch wenn ich zugeben muss, dass es mir immer ein wenig Unbehagen bereitet, dass dieses StartUp jedesmal 10% der Gelder einstreicht, bevor diese an Content-Anbieter ausgeliefert wird. Trotzdem ist es ein Anfang.

Letztendlich gibt es zwei Lösungsmöglichkeiten, um hier einen Kompromiss zwischen den Verlagen und den Nutzern zu finden:

  • Werbung muss weniger nervig werden und damit beim Lesen auch erträglich sein. Gleichzeitig sollten sich Verlage an die “Do Not Track”-Richtlinien halten. Ich bin bis heute der Ansicht, dass man auch über den Inhalt der Artikel eine ungefähre Vorstellung erlangen kann, von dem was den Leser potentiell interessiert. Ebenso sollte man sich bewusst machen, dass der Markt der reinen Werbeanzeigen sich durch den Einsatz von SocialMedia sehr stark wandelt. Sascha Lobo hat dazu vor einiger Zeit mal etwas geschrieben. Nicht nur, dass das Werbebudget für Anzeigen immer kleiner wird, m.E. führt auch die immer weiter steigende Zahl von Werbeeinblendungen zu einem Preisverfall und unter 20 Werbebannern, muss man halt zu Tönen, Animationen und ähnlichem greifen um aufzufallen.
  • Es müssten alternative Bezahlmodelle entwickel werden, die weniger restriktiv sind, als Paywalls. Ich bin kein Anhänger der Idee der “Gratismentalität” im Netz und ich bin der Meinung, dass dies oft übertrieben als Narrativ eingesetzt wird. Sicher lassen sich Free-Loader nie ausschließen, aber das ist überall so, ob beim Schwarzfahren im ÖPNV, beim Bezahlen der Rechnung in der Kneipe oder eben im Internet. Warum musste erst ein schwedisches StartUp wie Flattr anfangen Micropayment voran zu treiben? Das gleiche hätten die Verlage vor 10 Jahren tun können und hätten dabei sogar sehen können, welche Artikel die Leser honorieren. Es scheint ja möglich zu sein, eine gemeinsame Kampagne gegen Adblock zu fahren und das Leistungsschutzrecht zu propagieren, warum nicht ein Konkurrenzprodukt unter dem Banner aller großen deutschen Online-Verlage? Statt Paypal könnte man z.B. auf click&buy (Deutsche Telekom AG) setzen, das bereits bei RTL, SPON, bild.de und anderen verwendet wird und eine Alternative zum nicht gerade beliebten Paypal darstellt.

Eine weitere Möglichkeit wäre eine Kultuflatrate oder ähnliche Konstrukte, wie sie beispielsweise von den Piraten gefordert  oder auch von Sascha Lobo vorgeschlagen werden. Doch von einer derartigen Lösung bin ich nicht überzeugt, schon allein weil die GEMA oder die GEZ immer als warnendes Beispiel daneben stehen werden.

Das wichtigste ist aber erst einmal ein Dialog zwischen den Nutzern und den Verlagen. Insbesondere mit Blick auf das im August in Kraft tretende Leistungsschutzrecht haben die Presseverlage bereits jetzt einen schweren Stand gegenüber der Netzgemeinde. Es wird einige Anstrengungen benötigen, um hier eine zufriedenstellende Lösung für alle Seiten zu finden. Ein paar Versuche gibt es bereits. So hat beispielsweise die Redaktion von golem.de versucht ihre Werbepraktiken transparent darzustellen. Leider sind die Ergebnisse ohne AdBlock bei mir sehr unterschiedlich was golem.de angeht, mal ist es erträglich, mal nicht. Insbesondere der rechte Skyscrapper mit Animationen, obwohl sie ja angeblich keine Filme verwenden. Ebenso hat sich das Team von Adblock in die Diskussion eingeschaltet und u.a. auf ihre Funktion der “Acceptable Adds” hingewiesen. (die ich übrigens aktiviert habe)

Jetzt liegt der Ball wieder im Feld der Verlage. Die sueddeutsche.de zeigt immerhin Verständnis und scheint ein Bezahlsystem nicht auszuschließen, wenn auch keine Form genannt wird und gibt sogar einen Tipp wie man Tracking unterbinden kann, wobei ich das für fragwürdig halte, da es wie eine Robinsonliste zu funktionieren scheint. Bei SPON dagegen gibt es nur eine Aufforderung zur Deaktivierung des AdBlockers, eine Diskussion scheint nicht geführt werden zu wollen. Ebenso leider bei faz.net, zeit.de und rp-online.de.

Beim Abgrasen der Verlagsseiten bin ich dann eben noch auf die Seite: StopAdblock.org gestoßen. Leider zeigt der dort veröffentlichte Aufruf wohin die Reise geht:

“Also – wer macht mit? Einfach einen Beitrag zum Thema auf euren Blog verfassen – sagte eure Meinung und zeigt Courage – egal welche Partei ihr ergreifen wollt. Früher oder später wird man Lösungen finden. Ob nun Paywall, Unblockbare Werbung, noch mehr Werbung oder die Einstellung des Angebotes sei einmal dahingestellt.”

Ein Dialogangebot sieht anders aus. Schade, wieder einmal ein Armutszeugnis für den Internetstandort Deutschland und das in einem Jahr, wo wir bereits Drosselkom, Leistungsschutzrecht, Handygate, Störerhaftung und Bestandsdatenauskunft hatten.

Für alle die jetzt denken: “Warum regt der Kerl sich so auf, das Bisschen Werbung!” Dem sei ans Herz gelegt sich einmal AdBlock, NoScript und Ghostery (siehe vorher Kritik) oder DNT+  zu installieren und einmal zu schauen, was genau im Hintergrund passiert, wenn man sich durch eine Klickstrecke von SPON oder einen 7-Seiten-Artikel bei sueddeutsche.de klickt.

Diskussion zum Thema ist ausdrücklich erwünscht 😉

PS: Einen ganz anderen Standpunkt, den ich aber auch sehr schön, wenn auch sehr polemisch finde, gibt es bei unterwaeltigt.de.

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